Berlin – 42.195 km durch die Hölle :-)

Nachdem wir aus Berlin zurück sind, habe ich ein wenig Zeit gefunden für den versprochenen Laufbericht vom 36. Berlin-Marathon am 20.09.2009.

Mein dritter und bis heute härtester Marathon. Aber gleichzeitig auch der schönste, was nicht nur (aber zu einem Großteil) daran lag, dass ich ihn gemeinsam mit Laufpartner Alfons erlebt habe. Dieses Wochenende war wirklich der krönende Abschluss einer langen Vorbereitung, die für mich nach dem Marathon in Köln letztes Jahre startete. Für Alf war es der Gipfel seiner im Mai 2007 begonnenen Läuferkarriere (“Ich werde nie 10 Kilometer am Stück laufen”). Tja, manchmal kommt es anders … ;-)

Um 5:45 Uhr klingelte der Wecker im Hotel, wir hatten uns um 6:30 Uhr in der Hotellobby verabredet. Start war um 9 Uhr, aber der Vortag in Berlin hatte uns einen Vorgeschmack auf die zu erwartenden Menschenmassen gegeben, so dass wir lieber auf Nummer sicher gehen wollten.

Das Frühstück bestand aus 3 Schokohörnchen und viel Wasser. Überhaupt war es eine weise Voraussicht, die uns am Vortag die körpereigenen Wasservorräte hat auffüllen lassen. So mussten wir bei unserer Sightseeing-Tour am Samstag zwar sehr häufig nach dem Örtchen suchen, aber 4-5 Liter waren goldrichtig für das, was uns Sonntags erwartete. Kaiserwetter! Es wurde im Verlauf des Tages sehr warm, ich vermute wir haben knapp die 25 Grad Marke während des Laufes geschafft.

Mit der U-Bahn ging es zum Potsdamer Platz, von da aus per pedes bis zur Startzone auf der Straße des 17.Juni. Faszinierend, welche Vielfalt an unterschiedlichen Sprachen man hören konnte. Teilnehmer aus über 100 Nationen waren am Start. Ein ganz besonderes Flair lag in der Luft.

Gegen 08:15 Uhr waren wir in unserem Startblock H (4:15h und ohne Zeit) angekommen. H für Helden, denn hier waren u.a. die Läuferinnen und Läufer, die zum ersten Mal einen Marathon liefen.

Die Wartezeit bis zum Startschuss war lang aber kurzweilig. Teilweise kreisten bis zu 5 Hubschrauber über unseren Köpfen. Man konnte nur erahnen, wie weit sich das Läuferfeld der knapp 41000 Teilnehmer sich erstreckte.

Als um 9:00 Uhr endlich der Startschuss fiel, passierte erst einmal gar nichts. Natürlich liefen weit vorne die ersten Läufer los, aber bis die erste Bewegung in unseren Block kam, vergingen noch fünf Minuten. Nach vielleicht 50m gehen war erst einmal wieder Pause. So schlichen wir uns bis zum Start und dem Beginn der Chip-Zeitmessung. Erst nach knapp 20 Minuten und auch erst ab da laufend überquerten wir die Startmatte.

An der Goldelse teilte sich die Läuferschar, um sich direkt dahinter wieder in einem breiten Strom zu vereinigen. Generell war es immer sehr eng. Kein Vergleich zu Köln 2008. Kunststück, dort starteten ja auch nur knapp ein Viertel der Läufer.

Wir gingen im geplanten Tempo an, immer so zwischen 6:20 min und 6:45 min pro Kilometer. Viel schneller wäre auch gar nicht möglich gewesen, schon aufgrund der reinen Menge der umgebenden Läufer.

Ein Wort zur Versorgung an der Strecke: Das war eine spitzenmässige Organisation. Schon nach Kilometer 10 gab es alle 2.5 Kilometer Wasser und isotonische Getränke. Später auch Verpflegung in Form von Bananen und Äpfeln. Wir folgten der Empfehlung und tranken früh und reichlich. Ich vermute, ich habe auf der Strecke mindestens 3-4l Wasser zu mir genommen. Alles andere wäre fahrlässig gewesen bei diesen Temperaturen. Es gab später auf der Strecke genug Möglichkeiten, den Effekt zu geringen Trinkens zu bewundern.

Die Strecke führte uns entlang vieler Sehenswürdigkeiten von Berlin. Vorbei an Moabit, weiter hinter dem Bundestag entlang in den Ostteil der Stadt, über den Straussberger Platz, nach Kreuzberg ans Cottbusser Tor. Dort scheint generell ein Brennpunkt Berlins zu sein, sehr viele Polizisten standen auf diesem Streckenabschnitt.

Weiter nach Süden bis Neukölln, gen Westen vorbei am Schöneberger Rathaus. Wieder nach Norden über Hohenzollern- und Kudamm in die letzte Schleife via Leipziger Straße und Unter den Linden Richtung Brandenburger Tor.

Die Unterstützung auf der Strecke war sagenhaft. Sambabands, Jazzbands, Musikgruppen, Cheerleader und private Gruppen einfach nur mit Beschallung und Krachmachern puschten uns fast konstant auf der gesamten Strecke. Höhepunkt ein Balkon, wo zu lauter Musik von Status Quo (genau in meinem Laufrhythmus) eine private Party lief. Auch die Sambaband, die sich tontechnisch meisterhaft direkt unter einer breiten Brücke platziert hatte, gaben uns einen richtigen Kick und Gänsehaut pur.

Was kann ich zu meinem persönlichen Lauf sagen? Ziemlich hart. Bereits ab Kilometer 23 habe ich gemerkt, dass es an diesem Tag schwer werden würde. Das warme Wetter machte mir zu schaffen. Die Beine wurden früh bleiern. Bei Kilometer 25 nahm ich wie geplant das erste Gelpack. An Kilometer 32 das zweite. Eine direkte Auswirkung habe ich nicht gemerkt, ich vermute jedoch, dass ich es ohne diese Zutat nicht bis ins Ziel geschafft hätte.

Alfons musste sich dann ab Kilometer 30 immer häufiger umschauen, blieb ich doch nicht nur wegen der diversen Überholvorgänge, sondern auch aufgrund nachlassender Kräfte hinter ihm. Aber wir hatten vorher vereinbart, dass wir dieses Rennen gemeinsam beenden, komme was da wolle.

Ab Kilometer 32 habe ich mich eigentlich nur noch Richtung Ziel geschleppt. Die Beine taten weh und waren bleischwer. War es schon schwierig genug, den eigenen Rhythmus zu halten, so kamen nun die Unmengen an unfreiwilligen Gehern hinzu, die unfallfrei passiert werden mussten. Wir überholten Unmengen von Läufern, das waren bestimmt mehr als 1000 Plätze, die wir da gutgemacht haben. Wir stoppten nur an den Wasserstellen, ansonsten liefen wir ständig, ohne dazwischen Gehpausen einzulegen. Irgendwie ging es immer wieder weiter. Von Kilometer zu Kilometer.

Ab der Hälfte der Strecke und aufgrund der hohen Temperaturen gab es etliche Feuerwehrwagen, die eine Hälfte der Straße in eine mobile Duschkabine verwandelten. Auch diese Abkühlung tat sehr gut.

Die ersten Andeutungen von Krämpfen hatte ich zum Glück erst bei Kilometer 41, da hatte es mich in Köln schon deutlich früher erwischt. Man beginnt dann ziemlich hölzern zu laufen, damit man dem Krampf keine Angriffsfläche bietet. Aber irgendwie war das sowieso schon alles egal, denn ab Kilometer 40 war das Brandenburger Tor in Sicht. Kurz vor dem Ziel.

Es war immer unsere Vereinbarung, dass wir das Tor gemeinsam durchlaufen, quasi als Ziel unserer langen Vorbereitung. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, nach all den Strapazen endlich angekommen zu sein. Gemeinsam Hand in Hand und jubelnd mitten durch dieses symbolträchtige Bauwerk zu laufen.

Die restlichen 200m ging es vorbei an Tribünen und Unmengen Zuschauern (man bedenke, der Sieger Haile Gebreselassi war schon vor fast 3 Stunden angekommen). Jetzt waren die Schmerzen egal, nur noch über die Zielmatte und nicht mehr weiterlaufen müssen. Geschafft.

Ich darf ohne Übertreibung sagen, so platt war ich bisher noch nie in meinem Leben. Auf dem Weg zum Verpflegungsbereich musste ich mich ein paarmal hinlegen und die Beine hochlagern, bis ich wieder einigermassen senkrecht war. Dann gab es ein Erdinger Alkoholfrei und einen Verpflegungsbeutel und mir ging es wieder besser ;-)

Trotz der ganzen Quälerei sage ich trotzdem: Das war ein echt super Marathon. Und vermutlich nicht mein letzter Berlin-Marathon in meinem Leben.

(Bevor ihr mich jetzt einliefern lasst: Ich weiß, aber diese Äußerungen kann man vermutlich nur verstehen, wenn man sowas schon einmal mitgemacht hat ;-) )

Nach einer Odyssee durch U-Bahn-Schächte (S-Bahn Sperrungen!) und über unzählige Treppen (Aua!) ging es zurück zum Hotel unter die Dusche. Nach 30 Minuten relaxen auf dem Bett überfielen wir dann einen ahnungslosen Kneipier, wo der Abend und der Tag mit einem opulenten Mahl und zwei richtigen Hefeweizen (diesmal nicht mehr alkoholfrei wie in den letzten Wochen) gebührend gefeiert wurde.

Wer es bis hierher geschafft hat, bekommt auch noch die Kennzahlen des Laufs:

Laufzeit netto: 4 Stunden 45 Minuten 23 Sekunden, Platz 22867(von 41000), Platz 4997 in der Klasse M40.

image

P.S. Und fragt jetzt wieder bitte nicht jeder: “Wievielter bist Du denn geworden?”. Nein, es geht nicht um die Platzierung, es geht nur darum, den Lauf zu beenden. Das ist kein Wettkampf gegen andere. Ein Marathon ist ein Wettkampf mit anderen, aber nur gegen sich selbst. (oder so …) ;-)

Guckstdu hier


Trackbacks & Pingbacks

[...] Karlsruhe 1989 und Berlin 2009 heißt es dieses Jahr wieder, wie schon in [...]


Kommentare

Gravatar

Ich erinnere mich auch noch an meinen ersten Marathon (New York), den ich in etwa in der gleichen Zeit absolviert habe. Die absolute Hölle, alles über 4 Std. zieht sich endlos. Den 2. Marathon habe ich in etwa 4 Std. absolviert – das war ein schöner Lauf und weit weniger anstrengend!

Gravatar

Wow, Glückwunsch zu der tollen Leistung :-)

Gravatar

Toller Bericht und noch mal herzlichen Glückwunsch zum Finish…

Langdistanzen (egal in welcher Sportart) sind bestimmt immer wieder ein tolles Erlebnis.

Naja, vielleicht versuche ich mich nächstes Jahr auch mal an einem Halbmarathon – aber dazu muss ich diesen Winter deutlich mehr trainieren als im letzten… ;)

Gravatar

@Erik: NY ist noch der Traum. Mal sehen, ob ich irgendwann mal dort laufe.

@Anju: Danke :)

@Matthias: Danke. Den HM schaffst Du bestimmt. So sicher, wie ich nie einen Triathlon bestreiten werde ;-)

Gravatar

Hehe… Wenn ich den Halbmarathon schaffe, können wir ja in zwei Jahren zusammen in NY laufen. :)

Gravatar

Ich gratuliere! Ich verneine ja immer vehement meine Teilnahme an Läufen über 25km. Wie auch immer… Beim Lesen deiner Berichte (Köln & Berlin) bekomme ich nicht wenig Lust, auch mal ‘nen Marathon zu laufen. 4:25h ist ‘ne elende Quälerei. Bei nächsten Mal also bitte etwas schneller, damits einfacher wird.
Dass ihr bis zum Ende zusammen gelaufen seid ist respektabel. Feydab und ich haben beim Halbmarathon nur 17km zusammen ausgehalten. Für den der langsamer laufen muss um den Partner nicht zu verlieren, ist es ja auch alles andere als optimal. Falls du im nächsten Jahr Lust auf den Halbmarathon hast, quasi als Saisoneinstieg, wir ein Treffen in Berlin sicherlich machbar sein.

;)

Gravatar

Hallo Dirk,
es war ein besonders Erlebnis diesen Lauf zu schaffen.
Geschafft eben deshalb weil wir gemeinsam die Vorbereitung geplant und gelaufen sind,
noch noch den Berliner Marathon gemeinsam geschafft haben.

Ein besonderer Dank sollte aber unseren Frauen gelten die uns das gesamte Wochenende so toll unterstützt haben wie auch in der Vorbereitungszeit.
Zum Schluss: Ich sagte einen Marathon laufend ankommen, dann nie wieder!
Dieser Gedanke ist seit Berlin sehr weit im Universum verschwunden! :-)
Ich danke Dir für die tolle gemeinsame Zeit und Leistung, eben Freunde.

Gravatar

@tAXMAN Na wie wär es denn? Nicht nur der Halbe, sondern der Ganze Marathon 2010? Ich weiss, habe ich Dich glaube ich letztes Jahr auch gefragt. Zusammen müssen wir nicht laufen, so lange brauchst Du nicht auf uns zu warten :)

@Alf Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite. Und jetzt? :-))

Kommentieren

E-mail wird nicht angezeigt, HTML erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

(benötigt)

(benötigt)


Comments will be sent to the moderation queue.